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Manchmal ist es gut die Perspektive zu wechseln

Ich war im Urlaub.

Ok, es waren „nur“ 3 Tage  mit Wanderungen rund um Skaulo (3 Autostunden von unserem zuhause in Miekojärvi). Aber diese 3 Tage fühlten sich für mich wie eine Auszeit, ein Reset, ein langer Urlaub von meinem momentanen Alltag an.

Wie die meisten von Euch wissen, haben wir die letzten Jahre im Tourismus gearbeitet. Menschen haben mit und bei uns Urlaub gemacht. Unser Arbeitsplatz war der Urlaubsort für unzählige Menschen die wir begleiten durften und denen wir unsere Sehnsuchtsorte und Lieblingslandschaften zeigen konnten.

Unser Zuhause war Ausgangspunkt vieler Urlaubstouren und ein Besuch in unserem Kennel bei unseren Huskies oft das Highlight für unsere Gäste.

Aber wo und wann macht eine wie ich Urlaub

Ich bin fast 365 Tage im Jahr auf unserem Hof. Mehr als 30 Hunde zu haben ist mit viel Verantwortung verbunden. Jeder einzelne möchte Aufmerksamkeit, Pflege und optimale Versorgung.

Ich nehme diese Verantwortung sehr ernst, liebe die damit verbundene Arbeit und möchte für kein Geld der Welt tauschen. Aber ein paar Tage frei zu machen, tut auch mir ausgesprochen gut.

Die letzten Jahre habe ich mir Ende April/ Anfang Mai immer ein bisschen Urlaub gegönnt. Hier oben im Norden schmilzt dann der Schnee, alles wird matschig und Gummistiefel werden das bevorzugte Schuhwerk.

Diese „Tauzeit“ war immer unsere Zwangspause zwischen Winter- und Sommersaison. Eine Zeit in der wir keine Aktivitäten anbieten konnten. Und auch die jährlichen Sommerprojekte an unserem Hof konnten erst nach der Schneeschmelze starten. Die Hunde buddeln zufrieden in den ersten Flecken Erde die sich auftun und Training funktioniert weder mit Schlitten, noch mit anderen Trainingsgeräten besonders gut.

Freie Zeit – Urlaubszeit

Johanna kam von ihren Gästetouren zurück nach Hause und hat die Versorgung der Hunde übernommen. Sie war das Jahr über immer so viel arbeitsbedingt unterwegs, dass sie ihre Ruhepause auf unserem Hof sehr genossen hat.

Und ich konnte ruhigen Gewissens  ein paar Tage weg fahren.

2500 km nach Süden. Genauer gesagt – nach Deutschland. Noch genauer gesagt – nach Borgholzhausen (eine kleine Stadt in der Nähe von Bielefeld mit ca. 8000 Einwohnern, auch Pium genannt). Ganz genau – ich fahre eigentlich ein Mal im Jahr auf den Hof meiner Familie bei Borgholzhausen, auf dem ich aufgewachsen bin.

Dort lasse ich mich einfach treiben. Ich gehe spontan zum Bäcker oder treffe mich unkompliziert mit einer Freundin im Café. Ich fahre mit dem Rad in die Stadt, esse frischen Spargel und reife Erdbeeren, spaziere durch Laubwälder und genieße die Frühlingsluft.

Alles Dinge, die ich in meiner Wahlheimat Lappland nicht habe. Sachen, die mir im Alltag nicht fehlen ich aber umso mehr genieße, wenn es möglich ist. Es ist einfach eine schöne Zeit, in der ich mal für mich bin. Urlaub eben!

Diese Tage geben mir viel Kraft. Das klingt vielleicht nicht nach besonders viel Urlaub. Aber ganz ehrlich: Nach nur ein paar Tagen vermisse ich alle schon so sehr, dass ich so bald wie möglich zurück möchte. (21 Tage war die längste Zeit, die ich je von meinen Hunden getrennt war. Und damals habe ich gesagt: „Nie wieder!“) Ich liebe einfach das Leben auf unserem Hof und mit den Hunden! Ich bin gerne daheim und das im Prinzip auch fast jeden Tag des Jahres.

Aber ein Mal im Jahr bei meiner Familie, auf dem Hof meiner Eltern und in den vertrauten Wäldern drum herum die Seele baumeln zu lassen füllt meine Batterien wieder auf.

Pläne ändern, Alternativen finden

Zumindest habe ich das bisher immer so gemacht.

Dieses Jahr war alles anders. Die Corona Krise erwischte uns mitten in den letzten Wochen unserer Wintersaison. Als es zum totalen Stillstand kam, standen noch 2 Gruppen aus. Danach wären wir, wie jedes Jahr, in unsere kurze Ruhephase übergegangen, bevor Ende Mai die Sommersaison mit voll ausgebuchten Touren losgestartet wäre.

Ich wäre nach Deutschland gefahren und hätte meine Familie besucht. Hätte Spargel gegessen, wäre durch den Teutoburger Wald gestreift, mit Freunden ausgegangen und hätte meine Omas und den Opa besucht.

Stattdessen hat Corona unser Leben auf den Kopf gestellt. Die Grenzen waren dicht und unsere berufliche Existenz löste sich in Luft auf. Der Kampf um unsere Firma, die Angst meine Hunde nicht mehr versorgen zu können, plötzlich zahlungsunfähig zu sein und das emotionale Auf und Ab hat eine Pause undenkbar gemacht. (möchtest Du mehr lesen?)

Johanna hat mich weggeschickt

Erst im Juni konnten wir das erste Mal wieder etwas durchatmen. Die Insolvenz war beschlossene Sache, viele existentielle Fragen geklärt und Dank der Spenden für Hundefutter, die wir von vielen wunderbaren Menschen bekommen haben, war die erste Versorgung der Hunde über den Sommer gesichert.

Plötzlich spürten wir wie müde wir eigentlich waren. Während der Reparaturen in unserer Kennelanlage kam mir im Juli der Gedanke nach einer Zeit „nur für mich“. Johanna fand schon länger, dass mir Abstand von den täglichen Aufgaben und etwas Zeit für mich guttun würde.

Sie weiß, wie wichtig mir die Fahrt nach Deutschland jedes Jahr geworden ist. Aber die Corona bedingten Einschränkungen ließen dies nicht zu. Die Quarantäneregeln, die sich dauernd ändern und die Angst die Omas zu gefährden, wenn ich angereist käme machten einen Besuch in Deutschland undenkbar.

Johanna erinnerte mich in schöner Regelmäßigkeit an meine Auszeit. Sie ließ einfach nicht locker. Ich bin so dankbar sie an meiner Seite zu haben! Denn sie hatte ja recht.

Aber ich schob die Entscheidung immer wieder raus. Tausend Dinge fielen mir ein, die noch zu erledigen sind. Irgendwann merkte ich, dass ich nur nach Vorwänden suchte.

Vor einigen Tagen setzte Johanna mir dann die Pistole auf die Brust. „Es gibt keinen Grund, warum Du nicht eine Tour machen kannst. Du glaubst, dass Du es nicht verdient hast. Aber das ist totaler Unsinn! Und wenn Du es nicht für Dich machen willst, dann nimm einen der Hunde mit. Da gibt es doch sicherlich einen, der ein bisschen extra Aufmerksamkeit braucht. Dann mach es eben für den Hund.“

Sie kennt mich einfach! Für mich fühlte es sich immer noch nicht richtig an eine Reise zu machen. Gerade jetzt, wo noch so viele Projekte anstehen. Gerade jetzt, wo wir jede Krone sparen müssen. Gerade jetzt wegzufahren, aus komplett egoistischen Gründen? Das passt doch nicht. Aber meinen Hunden etwas Gutes tun? Immer!

Planung des Kurztrips

Damit hatte sie mich überzeugt. Sofort begann es in meinem Kopf zu rattern. Welcher Hund bräuchte eine besondere Zeit mit mir? Aufmerksamkeit, Abenteuer, Neues erleben?

Die Qual der Wahl lag vor mir. Die 16 Junghunde könnten alle extra Aufmerksamkeit von mir gebrauchen. Eben weil sie jung sind. Ortswechsel, damit sie mal andere Situationen erleben. Alleine mit einem Hund etwas zu unternehmen, ohne das Rudel, schweißt zusammen. Die Wahl fiel mir nicht leicht.

Duplo kam mir zuerst in den Sinn. Er ist recht unsicher in neuer Umgebung. Er könnte etwas mehr Selbstsicherheit bekommen. Oder Rubin, der einfach voller Energie ist und nie so recht weiß wohin damit. Auch Saphir würde es gut tun, denn mit ihm habe ich im Vergleich wohl die „schlechteste“ Bindung, er ist sehr vorsichtig und skeptisch. Oder Lava. Mit ihr war ich noch am wenigsten allein unterwegs. Oreo? Ihm könnte es nicht schaden ein bisschen Leinentraining zu bekommen. Genauso wie Mars.

Doch zum Schluss habe ich mich für Kitkat entschieden. Zu ihr hatte ich in den ersten 1 ½ Jahren super Kontakt, doch in den letzten Wochen wurde sie immer dickköpfiger. Sie begann mehr ihr Ding zu machen und hörte schlecht. Sie ist im Rudel ein sehr wichtiger Hund. Trotz ihres jungen Alters hat sie schon eine deutlich ausgeprägte Position. Eine tiefe Bindung zu ihr ist mir sehr wichtig und in Bezug auf das Rudel spielt es eine große Rolle, dass sie diese Bindung zu mir will.

Und so war es dann entschieden.
Kitkat und ich gehen on tour!

Das „wohin“ war längst klar! Ins Fjäll  natürlich! Ich liebe das schwedische Gebirge und schon lange wollte ich dort mal wieder wandern gehen. Die beste Zeit dafür ist von Ende Juli bis Anfang September. Beste Urlaubszeit und somit die letzten Jahre undenkbar, denn zu dieser Zeit steckten wir knietief in der Sommersaison und ermöglichten unseren Gästen unvergessliche Urlaubserlebnisse.

Wenn Corona etwas Gutes hat, dann das wir zur besten Urlaubszeit selber mal Urlaub machen können. Johanna hat einfach Recht! Gut, dass sie so hartnäckig ist.

Plötzlich war alles ganz einfach:

Ich habe eine gute Freundin angerufen, die ganz in der Nähe von den ersten Ausläufern des Fjälls wohnt. Sie lebt abseits auf einem wunderschönen Grundstück am See Puoltikasjärvi in einem kleinen Holzhaus. Von dort könnte ich tagsüber Ausflüge in die Tundra machen und für mich sein. Abends gemeinsam kochen und über das Leben philosophieren. Barbara sagte begeistert zu und die Reiseplanung stand…


Wer ist eigentlich Barbara?

Barbara wohnt mitten in der Natur in einem kleinen Holzhäuschen am See. Sie hat auf ihrem Grundstück auch ein tolles Tiny-House. Dieses vermietet sie an Reisende, die die Einsamkeit suchen. Ein Ort den ich wirklich empfehlen kann! Barbara ist eine spannende Frau. Sie hat schon sehr viel in ihrem Leben realisiert und noch mindestens genauso viel für die Zukunft vor.

Ursprünglich ist sie aus der Schweiz und hat einige Jahre in Finnland gelebt. Auch sie ist dem Hundeschlittenfieber verfallen und hat seit vielen Jahren einen kleinen Kennel mit 8-12 Hunden. Nach Finnland war Schweden dran, hier sollten Barbaras Arbeitseinsätze vielseitig werden. Alles von Besitzerin einer größeren Touristenanlage, über Gebirgstouren mit Gästen, Hunden und Pulkas, Tourismusprojekten bis hin zur Leitung eines Lebensmittelladens. Und wäre das nicht schon genug, so gestaltete sie ihre Freizeit mindestens genauso herausfordernd.

Mal abgesehen von diversen Fjälltouren und Alpenwanderungen, wanderte sie den PCT, den Pacific Crest Trail. Ein Fernwanderweg in der USA, den sie zu Fuß auf 4270 km beschritt! Und das nächste Abenteuer steht auch schon an. Das so genannte „Weiße Band“ (vita banden auf Schwedisch). Hier durchquert man die schwedische Gebirgskette auf 1300 km von Grövelsjö im Süden bis zum Treriksröset im Norden. Und das Ganze im Winter auf Skiern oder eben mit Schlittenhunden.

Weitere Infos auf ihrer Webseite https://simplelifebasics.com


Kurz ein paar Sachen ins Auto gepackt und schon konnte es los gehen. Nach 3 Stunden Autofahrt erreichten Kitkat und ich Skaulo.

Wo alles began

Hier hatte mein Lapplandabenteuer im Jahr 2007 seinen Anfang genommen. Damals haben Johanna und ich im nächsten Ort Moskojärvi in einem Hundeschlittencamp gearbeitet. Dort haben wir uns kennen gelernt. Ich weiß noch genau wie es war, vor 13 Jahren. Johanna hatte mich mit ihrem VW-Bus vom Bahnhof in Gällivare abgeholt. Wir waren uns sofort sympathisch und fuhren im herbstlichen Wetter gen Norden zum Camp. Damals liefen uns sogar 2 Elche über den Weg!

Als ich nun auf dem letzten Wegstück den Berg Avvakko in der Ferne sah, bekam ich sofort wieder das Gefühl von Heimat. Es ist schwer zu beschreiben, doch die Natur hier ist ganz anders als bei uns Zuhause in Miekojärvi. Hier erstreckt sich die lappländische Tundra in unendlicher Weite. Große intakte Sümpfe, niedriger Birkenwald und die majestätischen Berge des schwedischen Fjälls sind wunderschön. Man kann die Berge förmlich riechen. Es macht mich jedes Mal sehr glücklich und dankbar, wenn ich in der Nähe des Berges Avvakko bin.

Bevor ich zur ersten Wanderung aufbrach, schaute ich noch kurz bei einem alten Freund von uns vorbei. Er wohnt im gleichnamigen Dorf Avvakko und ich freute mich sehr, dass er tatsächlich Zuhause war. Ronny arbeitet im Bergwerk in einem wöchentlichen Schichtsystem. Diese Woche hatte er gerade frei! Es war schön ihn mal wieder zu sehen und etwas aus seinem Leben zu hören. Das gefällt mir so an Nordschweden. Man schaut einfach mal bei Freunden und Nachbarn vorbei. Ohne Ankündigung. Käme man unpassend, würden sie einfach das Weitermachen was sie gerade vorhatten. Man hat nie den Eindruck, dass man stört. Sondern ist immer willkommen. Und Zeit für ein „Fika“, eine schwedische Kaffeepause, gibt es immer!

Die erste Tour war genauso, wie ich es mir gewünscht hatte. Ein kleiner Pfad führt mich zum Fuße des Berges Avvakko und von dort ging es unwegsam hinauf. Nach wenigen Höhenmetern erreichten wir das Kahlfjäll, also die Baumgrenze. Von hier hat man eine herrliche Sicht auf die unendliche Weite der lappländischen Natur.

Mit dem Berg Avvakko fühle ich mich ganz besonders verbunden.

Unsere erste geminsame Wanderung

Die erste gemeinsame Wanderung, die Johanna und ich gemacht haben, führte uns auf diesen Berg.

Wir hatten während unserer ersten Tour so ziemlich alle Fehler gemacht die sich anbieten. Schlecht vorbereitet und mit einer guten Portion Selbstüberschätzung sind wir los gezogen (Ich war immer viel draußen in der Natur unterwegs gewesen und Johanna war das Wandern aus den Alpen gewohnt).  Die Besonderheiten der lappländischen Natur, zudem noch im November, haben wir so schmerzlich kennen gelernt.  Vergessen werden wir diese erste gemeinsame Prüfung wohl nie!

Rückblick

November 2007 – wir kannten uns einen Monat und arbeiteten beide im Schlittenhundecamp. Da die Wintersaison noch nicht begonnen hatte, nutzen wir freie Tage um die Gegend zu erkunden. Johanna und ich wollten eine Campingtour unternehmen. Es sollte auf den Avvakko gehen. Auf der anderen Seite war laut der Einheimischen ein Windschutz der leicht zu finden sei, dort wollten wir übernachten. Den ersten Teil kannte ich, denn ich war ein paar Tage vorher allein bis zum Gipfel gewandert.

Da wir von Windschutz und Feuerstelle ausgingen, rüsteten wir uns nur mit Schlafsack, Isomatte und ein wenig Verpflegung aus. Ich muss dazu sagen, dass es im November in Lappland durchaus schon Minusgrade haben kann und auch mit dem ersten Schneefall zu rechnen ist.  Und so war es dann auch – am Tag unserer Tour hatte es über Nacht geschneit und die Temperaturen sanken ein paar Grad unter null. Wir packten uns warm ein, zogen unsere Wanderschuhe an, Rucksack auf – und los gings.

Obwohl wir etwas spät losgekommen waren, waren wir guter Dinge und auch ein bisschen aufgeregt. Denn schon damals fühlten wir beide die besondere Chemie zwischen uns. Wir freuten uns auf ein gemeinsames Abenteuer. Und ein Abenteuer bekamen wir auch.

Zuerst ging es wunderbar. Wir fanden den Pfad und folgten ihm hinauf Richtung Gipfel. Wir machten Bilder und ließen uns Zeit. Während des Aufstieges zog Nebel auf und die Sicht wurde deutlich schlechter. Der Berg Avvakko hat keinen steilen Gipfel, sondern eher eine abgerundete Kuppe ohne Bewuchs. Eine Steinwelt ohne markante Anhaltspunkte. Auch der Gipfel ist nicht klar erkennbar. Mit zunehmendem Nebel und schlechter werdender Sicht wurde uns dies langsam aber sicher bewusst. Woran merken wir eigentlich, dass wir oben sind?

Unsere Tourenplanung baute darauf auf, dass wir von oben den Windschutz sehen würden, der auf der anderen Seite sein sollte. Wir waren noch immer guter Dinge. Oberhalb der Baumgrenze wurde es zunehmend ungemütlich. Es war windig und kalt. Wir beschlossen, dass wir wieder etwas weiter runter gehen, bis zur Baumgrenze und dann den Berg umrunden bis zur anderen Seite. Langsam begann es dunkel zu werden. Zum Glück boten uns die kargen kleinen Bäume zumindest vor dem Wind etwas Schutz.

Ein Nachbar hatte Johanna kurz vor der Tour erzählt, dass die Braunbären nun schon im Winterschlaf seien. Dass sie aber oft beim ersten Schneefall noch einmal aufwachen und sich ein letztes Mal satt fressen. Da hat sich wohl jemanden einen Spaß mit Johanna erlaubt…

Anfänger Fehler

Die düstere, mystische Waldlandschaft mit all ihren knackenden Geräuschen und der schneebedeckte Boden, versetzte Johanna in eine gewisse Unruhe. Sind das die Bären die nach Futter suchen? Nach einer Weile drängte sie wieder etwas höher zu gehen, um aus diesem gruseligen Wald zu kommen. Ich teilte ihre Meinung eigentlich nicht, fand die Stimmung ganz wunderbar, so ganz anders als das, was ich von Norddeutschland kannte. Wir gingen wieder ein wenig höher. Als es noch dunkler wurde, schalteten wir unsere Kopflampen ein. Sie gaben uns für kurze Zeit Licht, doch wurden recht schnell schwächer. Wir hatten nicht geprüft ob die Batterien voll waren. Anfängerfehler! Später würden wir auch noch öfter die Erfahrung machen, dass sich Batterien in kalten Temperaturen sehr schnell entladen. Es ist immer gut Reservebatterien dabei zu haben.

Da standen wir also irgendwo auf einem Berg, mitten im Nebel, die Sicht gleich null und kein Windschutz in Sicht. Die Dunkelheit war fast komplett und unsere Lampen so gut wie aus. Johanna war noch immer beunruhigt wegen der Bären und langsam wurden wir müde.

Was also tun?

Wir waren uns einig, dass wir einen Lagerplatz suchen und ein Feuer machen müssen. Morgen würde sich der Nebel sicher lichten und wir wüssten wieder, wo wir sind.

Wir brachen zu einem letzten Marsch auf, dorthin wo wir Feuerholz finden würden. Auf dem Weg dorthin stieg ich leider mit dem linken Fuß in einen kleinen Bach, den ich unter dem frischen Schnee nicht gesehen hatte. Mein Schuh lief augenblicklich mit Wasser voll. Na super!

Mit nassem Fuß ging es weiter. Kurz darauf wählten wir einen Lagerplatz und ohne Worte begannen wir unsere Sachen abzulegen und systematisch nach Feuerholz zu suchen. Das war mühsam. Die wenigen Ästchen und Zweige, die wir fanden waren nass. Mit viel Geduld gelang es uns ein Feuer zu entzünden, aber es wollte gut bewacht werden, denn mit dem feuchten Reisig drohte es jede Sekunde wieder auszugehen.

Die romantische Vorstellung von uns am warmen Lagerfeuer mit Zeit für tiefsinnige Gespräche blieb eine romantische Vorstellung. Wir waren beschäftigt Holz zu beschaffen und das Feuer am Leben zu halten. Als wir es endlich soweit hatten, dass es brannte und wir genug Reisig zum Nachlegen hatten, wurde es Zeit etwas zu essen. Im Schein der kleinen flackernden Flammen packte Johanna unsere Verpflegung aus. Wir hatten auch diesen Teil recht einfach gehalten. Ein bisschen Käse, Wurst, Knäckebrot und als Highlight – gekochte Eier.

Johanna hatte sie kurz vor unserem Abmarsch gekocht, doch leider stellte sich heraus, dass sie noch fast flüssig waren. Entweder hatte Johanna sich in der Kochzeit vertan oder hier am Polarkreis brauchen Eier einfach länger bis sie hart werden. Egal – in unserer Not und unserem ausgeprägten Hunger aßen wir die Eier ganz einfach mit Schale. Mit Knäckebrot fällt einem das Knuspern der Schale fast nicht auf. 😊

Der Abend verlief schweigend – und doch in einem angenehmen Einverständnis. Wir wussten beide, dass hier und jetzt das Wesentliche zählt. Wir krochen in unsere Schlafsäcke und ich schlief augenblicklich ein. Ich kann generell wunderbar schlafen. In einem Moment noch wach, bin ich 30 Sekunden später schon im Tiefschlaf und bekomme nichts mehr mit. Dass Johanna mich die halbe Nacht davon abgehalten hat mit dem Schlafsack ins Feuer zu rollen, habe ich nicht gemerkt.

Als es wieder hell wurde, wachte ich fast erholt auf. Auch Johanna war schon wach, deutlich weniger erholt und ausgeruht.

Der nächste Morgen

Der Nebel hatte sich leider nicht gelichtet. Die Frage, wo wir eigentlich sind, konnte also immer noch nicht geklärt werden. Erst einmal ein Feuer machen und Kaffee kochen. Denn ohne Kaffee wäre Johanna sicherlich keinen Schritt weiter gegangen nach der fast schlaflosen Nacht. Wir hatten einen kleinen Topf dabei und löslichen Kaffee. Ich krabbelte aus meinem Schlafsack und wollte in meine Stiefel steigen. Doch mein linker Schuh war komplett steif gefroren. Nächster Anfängerfehler! Nachdem ich den Tag vorher in den Bach geplumpst war, war der Schuh natürlich nass. Statt ihn mit in den Schlafsack zu nehmen, hatte ich ihn einfach neben mir abgestellt. Nun war er gefroren.

Also zog Johanna los um Brennholz zu suchen. Genau wie am Abend vorher fand sie nur kleine Zweige und nasse Büsche. Damit würden wir auch diesmal kein anständiges Feuer machen können. Es würde nie so warm brennen, dass wir meinen Schuh auftauen könnten. Geschweige denn, um Wasser zu kochen. Ich hätte erwartet, dass die Stimmung zwischen uns schlecht werden würde. So war es nicht. Wir waren zwar nicht sehr gesprächig, aber weiterhin lösungsorientiert und stimmten uns gut ab.

Jetzt wo ich so über unsere erste gemeinsame Tour nachdenke, fällt mir auf, dass wir schon damals mit Schwierigkeiten unglaublich gut umgehen konnten.

Wir schlugen den gefrorenen Schuh gegen Steine, kneteten das Leder und brachten zu guter Letzt meinen Fuß in den Schuh. Die Wärme des Fußes würde ihn hoffentlich mit der Zeit etwas weicher machen.

Wohin sollen wir gehen?

Wir rätselten eine Weile was wohl die beste Lösung wäre und einigten uns darauf, dass wir immer dem Anstieg folgen, bis es wieder flach wird. Dann sind wir in jedem Fall oben.

Wir machten uns schweigend an den Aufstieg. Als das Gelände flacher wurde hielten wir an. Noch immer war der Nebel dicht und die Sicht nur wenige Meter. Ich war der Meinung, dass wir schon den Tag vorher auf die „andere“ Seite gewandert waren, und jetzt über den Berg drüber müssten und dann absteigen. Johanna war überzeugt, dass wir noch auf der „heimischen“ Seite wären, nur viel weiter an der nördlichen Seite. Nach ihrer Theorie müssten wir hoch gehen, dann aber auf dem Gipfel entlang nach links und dort absteigen. So kämen wir automatisch auf den Weg, der am Fuße des Berges entlang geht.

Wir waren uns uneinig. Sehr uneinig. In den ersten Zügen unserer noch nicht begonnen Beziehung, sollte dies ein Moment sein, an den wir uns später oft erinnern würden.

Wir wichen beide nicht von unseren Standpunkten ab. Streiten wollten wir uns deswegen nicht. Also ein Kompromiss: Wir beschlossen noch ein Stück weiter zu gehen um dann erneut zu überlegen. Schweigend zogen wir weiter. Beide wohl damit beschäftigt zu überlegen, wie wir die jeweils andere überzeugen könnten.

Plötzlich entdeckte ich einen markanten Steinhaufen. Ich erinnerte mich an meine Tour vor ein paar Tagen. Da hatte ich genau diesen Steinhaufen auf dem Gipfel gesehen. Genau diesen Steinhaufen! Und ich wusste wieder, wo wir waren. Und wo wir hinmüssen. In meinem Eifer vergaß ich all diese Gedanken auszusprechen. Stattdessen rief ich zu Johanna: „Da! Die Steine!“, und schlug augenblicklich den Abstieg ein. Voller Freude über die wiedergefundene Orientierung, rannte ich förmlich den Berg runter.

Johanna blieb nichts anderes übrig als mir zu folgen. Erst als wir unten auf den Pfad stießen, hielt ich an. Die Fragezeichen in Johannas Augen werde ich wohl nie vergessen. Ich erklärte ihr, dass ich die Steine erkannt hatte. Sie schüttelte verwundert den Kopf.

Heute wundert sie sich nicht mehr über meine manchmal plötzlichen Einfälle und Richtungswechsel ohne weitere Erklärungen, aber den Kopf schüttelt sie öfter mal.

Schwierigkeiten meistern

Jetzt sitze ich mit Kitkat auf dem Avvakko bei herrlichstem Wetter und denke an diese verrückte Tour zurück. An Johanna und mich, die gemeinsame Zeit und die letzten Monate. Wir haben viel gelernt in den letzten Jahren, nicht nur bessere Outdoor-Skills.

Die Krise in die uns Corona gestürzt hat war, ähnlich dem Nebel damals, dramatisch und bedrohlich. Die Umstände beängstigend, die Richtung nicht klar. Auch jetzt hatten wir unsere Meinungsverschiedenheiten, mussten Kompromisse finden, darauf vertrauen, dass sich der Nebel irgendwann lichtet und wenn er es nicht tut, Alternativen finden.

Das können wir gut. Das konnten wir schon immer wie mir jetzt bewusst wird.

Wir sind noch nicht in unserem Windschutz angekommen. Der Nebel ist zwar weniger undurchdringlich aber immer noch ist nicht klar wie wir die Hunde langfristig finanzieren können. Werden wir genug Menschen finden die Patenschaften für die Hunde übernehmen möchten? Woher bekomme ich die Trainingsgeräte für das Herbsttraining? Kann ich mit meinem neuen Job genug Geld für unseren Lebensunterhalt verdienen?

Wir haben noch keine Antworten auf all diese Fragen. Unsere Sicht ist eingeschränkt – aber wir gehen Schritt für Schritt weiter. Und wenn wir müde sind machen wir eine kleine Pause, erholen uns und gehen weiter.

Glücklich und entspannt zurück

Ich lächle in mich hinein, kraule Kitkat im Nacken die zufrieden, alle viere von sich gestreckt, neben mir liegt. Ich nehme meinen Rucksack, ziehe Kitkat die Packtaschen an und wir machen uns an den Abstieg.

Auf der Rückfahrt genieße ich noch einmal die Landschaft, nehme für diesen Sommer Abschied vom Avvakko und folge der Straße 300 km bis nach Överkalix. Die Natur verändert sich ca. 50 km nach Gällivare. Die Wälder werden wieder dichter, die Bäume höher, mehr Felder und weniger Sümpfe. Auch ist hier noch der Sommer zu spüren. Überall blüht es. Die Weidenröschen leuchten mit ihren lila Blühten auf jeder Wiese. Schon bald schlägt mein Herz höher als ich mich meinem Zuhause nähere.

Wie heißt es noch gleich? „Borta bra, hemma bäst! „, was sich mit „Woanders ist gut, Zuhause ist am besten!“ übersetzen lässt. So ist es!

Ich habe Freunde getroffen, schöne Gespräche geführt, Neues erfahren und Kitkat und ich haben uns wiedergefunden. Ich habe Natur erlebt, gefühlt und genossen. Und ich habe mich erinnert!

Manchmal ist es gut ein bisschen Abstand zu bekommen. Die Perspektive zu wechseln und sich eine kleine Auszeit zu nehmen. Ich war nicht wie immer in Deutschland aber ich war 3 Tage unterwegs und bringe Ruhe und Dankbarkeit mit nach Hause!

Ruhe, weil Johanna und ich alles haben um weiter durch diese schwierige Zeit zu gehen, und Dankbarkeit für mein Leben hier oben. Mal mit gefrorenem Schuh mitten im Nebel, mal mit plötzlicher Insolvenz in Corona-Zeiten, aber immer umgeben von wunderbaren Menschen, Hunden und einer umwerfenden Natur.

Hier bin ich zuhause.

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